Warum ethnische Minderheitengruppen mehr leiden
Sir Michael Marmot, Direktor des Instituts für gesundheitliche Chancengleichheit am University College London, spricht mit Dr. Roger Highfield, Wissenschaftsdirektor der Science Museum Group, Grossbritannien, darüber, warum einige Bevölkerungsgruppen einem höheren Risiko von COVID-19 ausgesetzt sind.
Dies ist der 14. Artikel von Roger Highfield über die Wissenschaft hinter dem Coronavirus, welcher ursprünglich am 22.06.2020 externe Seite veröffentlicht wurde. Sofern verfügbar, wurden Informationen für die Schweiz von focusTerra, ETH Zürich, hinzugefügt und entsprechend gekennzeichnet. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte durch focusTerra.
Sir Michael Marmot führte bahnbrechende Studien an Mitarbeitenden des öffentlichen Dienstes durch, die zeigten, wie das Krankheits- und Sterberisiko steigt, je weiter man in der sozialen Hierarchie nach unten geht (von externe Seite Sir Humphrey zum Büroboten).
Seine redigierten Antworten sind kursiv gesetzt, um sie von meinen Kommentaren zu unterscheiden.
Wie hält Ihre Arbeit der Gesellschaft einen Spiegel vor?
Wichtige Fragen über den Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Sterblichkeit wurden in den Whitehall-Studien gestellt (eine, die 1967 begann, externe Seite verfolgte etwa 18'000 Mitarbeitende, und eine zweite, die 1985 begann, externe Seite untersuchte mehr als 10'000). Wir fanden heraus, dass die Gesundheit einem sozialen Gefälle folgt, aber die Frage war, ob dies allgemein gültig ist und nicht nur für britische Mitarbeitende des öffentlichen Dienstes zutrifft.
Alles, was ich seitdem getan habe, zeigt bemerkenswerterweise, dass es in der Tat ein allgemeines Phänomen ist.
Wir sehen, dass dies nicht nur eine Frage der schlechten Gesundheit von armen Menschen ist und der guten Gesundheit von allen anderen. Die Auswirkungen sind sozial abgestuft.
Die Menschen in den zweitreichsten Gebieten haben eine kürzere Lebenserwartung als die Wohlhabendsten, und zwar von oben nach unten.
In Glasgow zum Beispiel besteht ein Unterschied von 28 Jahren in der Lebenserwartung zwischen den wohlhabendsten und den am wenigsten wohlhabenden Gebieten.
Dieses soziale Gefälle findet sich nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern überall, wohin wir schauen, und gilt sogar für externe Seite nichtmenschliche Primaten.
Wie hängt Ihre Forschung mit den höheren Sterblichkeitsraten in BAME-Gemeinschaften zusammen?
(Anmerkung: BAME = Black, Asian and minority ethnic: Schwarze, Asiaten und andere ethnische Minderheiten)
Das Office for National Statistics (ONS) analysierte alle Todesfälle in England und Wales mit vermutetem oder bestätigtem COVID-19. Für ein bestimmtes Alter waren Männer und Frauen aus allen ethnischen Gruppen (mit Ausnahme der chinesischen Frauen) einem höheren Risiko ausgesetzt, an COVID-19 zu sterben als Weisse.
Besonders gross war der Unterschied bei schwarzen Männern und Frauen, bei denen die Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu sterben, mehr als viermal so hoch war wie bei weissen Männern und Frauen.
Zu den COVID-19-Patienten, die auf eine Intensivstation eingewiesen werden oder im Krankenhaus sterben, gehören externe Seite unverhältnismässig viele Menschen aus ethnischen Minderheiten.
Eine/r von drei PatientInnen oder Patienten, die mit COVID-19 auf eine Intensivstation eingewiesen werden, gehört einer ethnischen Minderheit an, obwohl sie nur einer ein Achtel der britischen Bevölkerung ausmachen.
Laut einer externe Seite Studie in 260 Krankenhäusern mit rund 31'000 COVID-19-Patientinnen und Patienten, deren ethnische Zugehörigkeit erfasst wurde, sterben südasiatische Menschen am ehesten an Coronaviren, nachdem sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden.
Die Studie des International Severe Acute Respiratory and Emerging Infection Consortium, externe Seite ISARIC, die grösste ihrer Art, zeigte, dass Menschen mit südasiatischem Hintergrund mit 20% höherer Wahrscheinlichkeit sterben als Weisse.
Bedeutet dies, dass die Position der BAME-Gemeinschaften in der sozialen Hierarchie zentral ist?
Ja, wenn man sich den externe Seite Bericht des Office of National Statistics und den externe Seite Bericht über die Unterschiede in Bezug auf das Risiko und die Folgen von COVID-19 von Public Health England anschaut, und dann schauen sie sich die Benachteiligungen und die COVID-19-Sterblichkeit an – sie sind wirklich dem in den Whitehall-Studien festgestellten Gradienten der Mortalität unter Berücksichtigung aller Ursachen ähnllich.
Das legt mir nahe, dass die sozial bestimmenden Faktoren von gesundheitlichen Ungleichheiten im Allgemeinen ein hohes Mass an Überschneidung aufweisen mit den sozial bestimmenden Faktoren von Ungleichheiten in COVID-19.
Wie hat sich die gesundheitliche Ungleichheit in den letzten Jahren verändert?
2004 externe Seite sagte mir Sir Michael, es gebe kaum Anzeichen dafür, dass die Bemühungen der Regierung, die Ungleichheiten zwischen Arm und Reich zu verringern, grosse Wirkung zeigen.
Im Jahr 2010 führte er externe Seite eine bahnbrechende Untersuchung der gesundheitlichen Ungleichheit durch, die zu dem Schluss kam, dass die Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit Massnahmen zu sechs politischen Zielen erfordert:
- Jedem Kind den besten Start ins Leben zu ermöglichen.
- Befähigung aller Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, ihre Fähigkeiten zu maximieren und die Kontrolle über ihr Leben zu haben.
- Faire Beschäftigung und gute Arbeit für alle schaffen.
- Einen gesunden Lebensstandard für alle gewährleisten.
- Gesunde und nachhaltige Orte und Gemeinschaften schaffen und entwickeln.
- Stärkung der Rolle und der Wirkung der Prävention von Gesundheitsproblemen.
In seinem diesjährigen Zehnjahresbericht stellte er fest, dass zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrhundert die Lebenserwartung landesweit nicht gestiegen ist und externe Seite dass die Lebenserwartung der Frauen im am stärksten benachteiligten Zehntel sogar abnimmt auf dem Index der Mehrfachbenachteiligung.
Die Tatsache, dass es (das soziale Gefälle) in Grossbritannien zugenommen hat, lässt mich – auf eine bizarre Art und Weise – hoffen, dass es, wenn sie grösser werden kann, auch kleiner werden kann.
Gibt es Unterschiede zwischen den Auswirkungen von COVID-19 und dem, was Sie von dem sozialen Gefälle erwarten würden?
Mein Bericht "Zehn Jahre danach" erschien im Februar und zeigte, dass das letzte Jahrzehnt der Gesundheit der Nation nicht gut gedient hat. Der Anstieg der Lebenserwartung verlangsamte sich dramatisch, die Ungleichheiten aufgrund von Benachteiligungen und der Region, aus der man kommt, nahmen weiter zu, und die Lebenserwartung von Frauen in den ärmsten Gegenden ausserhalb Londons ging zurück.
Im Bericht "Public Health England" sticht London wegen der Auswirkungen von COVID-19 hervor, während ich in meinem Bericht "10 years on" feststellte, dass sich die Lebenserwartung im Nordwesten und Nordosten Londons im Vergleich zu London verschlechtert hatte und für Frauen in dem am stärksten benachteiligten Zehntel ausserhalb Londons gesunken war.
London stand also in Bezug auf die gesundheitliche Chancengleichheit relativ besser da, während es bei COVID-19 schlechter dastand – das legt nahe, dass man neben den allgemeinen Auswirkungen der gesundheitlichen Ungleichheit auch spezifische Faktoren in der Hauptstadt berücksichtigen muss, die mit COVID-19 zusammenhängen.
London ist eine grosse, überfüllte Metropole, ein internationales Zentrum etc.
Man würde erwarten, dass COVID-19 in London begonnen hat und sich auf benachteiligte Gebiete, zum Beispiel im Nordosten und Nordwesten, ausgebreitet hat, wie zum Beispiel Barrow in Furness – und das haben wir beochachtet.
Wären alle anderen Faktoren, abgesehen vom sozialen Gefälle, gleich gewesen, wären weniger Menschen in den BAME-Bevölkerungsgruppen gestorben, wenn die Pandemie vor einem Jahrzehnt ausgebrochen wäre?
Ich bin mir nicht sicher. Vor zehn Jahren hätten wir immer noch Menschen gehabt, die an vorderster Front gearbeitet und in überfüllten Mehrgenerationenhaushalten gelebt hätten. Ich sagte, dass es bei COVID-19 das allgemeine Problem der gesundheitlichen Ungleichheiten und dann die spezifischen Einflüsse von COVID-19 gab.
Diese spezifischen Einflüsse – Jobs, Überbelegung – wären nach wie vor gültig gewesen.
Haben Sie in der diesjährigen Studie zur gesundheitlichen Chancengleichheit die BAME-Bevölkerungsgruppen untersucht?
Wir haben über die BAME-Bevölkerungsgruppen in dem Bericht externe Seite "zehn Jahre danach" gesagt, was wir konnten. Da die ethnische Zugehörigkeit nicht auf den Totenscheinen vermerkt ist, können Sie keine Sterblichkeitsstatistiken über BAME- Bevölkerungsgruppen erhalten, ohne spezielle Verknüpfungsstudien, wie sie kürzlich vom externe Seite Office of National Statistics durchgeführt wurden.
Wenn wir Daten über die BAME-Bevölerungsgruppen erhielten, haben wir sie entsprechend eingebaut, aber wir bedauern, dass sie nicht routinemässig verfügbar sind.
Wir konzentrierten uns auf die frühkindliche Entwicklung, Bildung, Beschäftigung und Arbeitsbedingungen, darauf, dass wir genug Geld zum Leben haben und gesunde, nachhaltige Orte zum Leben und Arbeiten. Wir stellten fest, dass Sparmassnahmen und der Rückzug des Staates, der in rückläufiger Weise durchgeführt wurde, sich wahrscheinlich stärker auf die Gesundheit und die Gesundheitsgerechtigkeit auswirkten.
Wir planen, dieselben Kategorien zu verwenden, um die Auswirkungen der Pandemie auf die gesundheitlichen Ungleichheiten und die gesellschaftliche Reaktion auf die Pandemie, insbesondere den Lockdown, zu untersuchen.
Was halten Sie von offiziellen Berichten über BAME-Bevölkerungsgruppen und die Pandemie?
Der erste Bericht von Public Health England zum Beispiel wurde externe Seite kritisiert, weil er die Frage nicht beantwortete und den Zusammenhang nicht erläuterte.
Er zeigte jedoch, dass es bei den Britinnen und Briten schwarzer Hautfarbe im Vergleich zu COVID-19 eine zweifache Übersterblichkeit gab, die in der multivarianten Analyse grösstenteils verschwunden ist, vor allem, wenn sie in Bezug auf die Benachteiligungen angepasst wurden.
Aus politischen Gründen sollte die Analyse vielleicht nicht zu explizit werden, aber für mich bedeutete sie für Britinnen und Briten schwarzer Hautfarbe, dass ihre Benachteiligung einen Grossteil der überhöhten COVID-19-Todesfälle in schwarzen britischen Gemeinden erklärt.
Wenn wir also die Formulierung "angepasst in Bezug auf Benachteiligungen/verzerrenden Faktoren" sehen, so beschönigt sie das Problem der gesundheitlichen Ungleichheiten?
Beachten Sie, was "in Bezug auf Benachteiligungen bereinigt" bedeutet. Das Übermass an COVID-19-Mortalität ist sehr deutlich zu erkennen.
Aufgrund systematischer Benachteiligung – Rassismus –- befinden sich Schwarze mit grösserer Wahrscheinlichkeit als die Allgemeinbevölkerung in benachteiligten Verhältnissen.
Der externe Seite zweite PHE-Bericht geht viel weiter und macht deutlich wie das, was als struktureller Rassismus bezeichnet werden sollte, als Ursache für die überhöhte COVID-19-Mortalität in BAME-Bevölkerungsgruppen zu sehen ist. Er berichtet über die Aussagen der betroffenen Gemeinschaften und gibt Empfehlungen ab.
Wie werden Menschen durch Benachteiligung einem höheren Risiko ausgesetzt?
Es wird oft gesagt, dass BAME-Gemeinschaften "eher am Coronavirus sterben", aber es gibt zwei Fragen, die beantwortet werden müssen: Ist es wahrscheinlicher, dass Menschen mit ethnischem Minderheitenhintergrund sich mit COVID-19 anstecken, und wenn sie sich einmal angesteckt haben, ist es wahrscheinlicher, dass sie daran sterben?
Eine Möglichkeit ist eine höhere Infektionsverbreitung, aber wir haben keine sehr guten oder systematischen Daten, weil wir keine weitverbreiteten Tests durchgeführt haben und weil den Menschen schon früh gesagt wurde, sie sollten sich nicht testen lassen, sondern nach Hause gehen und sich selbst isolieren, sodass wir nicht wissen, wer es bekommen hat und wer nicht.
Der Sohn eines Kollegen verlor seinen Geruchssinn, aber ansonsten ging es ihm gut. Mein Kollege hatte leichtes Fieber. Sind das Fälle oder keine Fälle? Wir wissen es nicht.
Es scheint jedoch sehr wahrscheinlich zu sein, dass bei Menschen in stärker benachteiligten Verhältnissen eine höhere Infektionsverbreitung vorliegt, auch wenn wir es nicht sicher wissen. Aufgrund von Menschenmassen, Berufen an vorderster Front, der Tatsache, dass sie sich die Lieferung von Lebensmitteln und Ähnlichem nach Hause nicht leisten können, ist die Infektionsverbreitung jedoch höher.
Ich bin auf das Beispiel einer Krankenschwester gestossen, die mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann in einer Einzimmerwohnung lebt. Wenn sie aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, will sie als Erstes ihre Kleider in die Wäscherei bringen und unter die Dusche gehen.
Aber ihre Kinder wollen sie in den Arm nehmen, wissen Sie. Es ist in Ordnung zu sagen: Benutzen Sie ein separates Badezimmer, aber wer hat schon ein separates Badezimmer, wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt?
Warum haben BAME-Bevälkerungsgruppen ein höheres Risiko für schwere Krankheiten, wenn sie infiziert sind?
Über biologische Mechanismen nachzudenken ist wichtig und interessant und kann uns vielleicht sagen, wie Benachteiligungen Schaden anrichten, aber lassen Sie uns einen breiteren Blickwinkel einnehmen.
Für mich ist es wahrscheinlich, dass das höhere Risiko, dem sie ausgesetzt sind, durch eine grössere Exposition und einen grösseren Schweregrad wirkt. Zum Teil im Zusammenhang mit Komorbiditäten wie Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeite und Gefässerkrankungen.
Möglicherweise gibt es auch weniger gute biologische Abwehrmechanismen bei Menschen, die benachteiligt sind, und dies könnte auf chronischen Stress zurückzuführen sein, wie externe Seite Robert Sapolskys Studien an nichtmenschlichen Primaten gezeigt haben.
Ich betone die mangelnde Kontrolle im Leben als Quelle von chronischem Stress. Entmachtung kann bedeuten, dass man nicht das Geld hat, um seine Kinder zu ernähren, und das ist ziemlich stressig.
Wenn man über COVID-19 hinaus auf gesundheitliche Ungleichheiten im Allgemeinen schaut, muss man sich nichtnur auf Stress berufen.
Es gibt eine einleuchtende Erklärung dafür, warum Ihre Kinder in Form von unzureichender Ernährung leiden könnten, was im Vereinigten Königreich bedeuten könnte, dass sie fettleibig sind und in anderen Ländern, dass sie unterernährt sind und aufgrund schlechter Ernährung Probleme mit der Gehirnentwicklung und Ähnlichem haben.
Ich habe Leute an vorderster Front sagen hören, dass viele Menschen, die mit COVID-19 auf die Intensivstation eingeliefert wurden, fettleibig waren, aber wie wichtig Begleiterkrankungen sind, weiss ich nicht.
Tatsache ist, dass es enorme Unterschiede gibt, wie Menschen auf eine Ansteckung reagieren, von denen einige seit zwei Monaten im Krankenhaus liegen.
Der Premierminister, der Gesundheitsminister und der Chief Medical Officer erklärten alle, dass sie etwa zur gleichen Zeit COVID-19 hatten. Letzterer nahm seine Arbeit recht bald wieder auf, während der Premierminister kurz vor dem Tod stand und eine wirklich miserable Erfahrung machte.
Diese drei Personen mit hohem Status reagierten sehr unterschiedlich. Wie viel davon auf die Dosierung zurückzuführen war, wie viel auf die Fettleibigkeit (relevant, wenn es um den Premierminister geht), weiss ich nicht.
Die Variabilität der Reaktion ist eine sehr interessante Frage und da steckt mit ziemlicher Sicherheit mehr dahinter, als ich sage.
Höhere Raten schwerer COVID-19-Infektionen in BAME-Bevölkerungsgruppen lassen sich nicht durch sozioökonomische oder verhaltensbedingte Faktoren, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder den Vitamin-D-Status erklären, so eine Studie auf der Grundlage von 1'326 COVID-19-Fällen, die in der externe Seite britischen Biobank erfasst wurden.
externe Seite Die im Journal of Public Health veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Beziehung zwischen einer COVID-19-Infektion und der ethnischen Zugehörigkeit komplex ist (externe Seite Zusammenfassung).
Die externe Seite ISARIC-Studie mit 31'000 Patienten, die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingewiesen wurden, kam jedoch zu dem Schluss, dass Südasiaten einem höheren Sterberisiko ausgesetzt sind, was zum Teil auf eine höhere Verbreitung von bereits bestehender Diabetes zurückzuführen ist.
Gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders gefährdet sind?
Public Health England kam zu dem Schluss: Nach Berücksichtigung der Auswirkungen von Geschlecht, Alter, Benachteiligungen und Region hatten Menschen bangladeschischer Ethnie ein etwa doppelt so hohes Risiko zu sterben wie Menschen weisser britischer Ethnie.
Menschen chinesischer, indischer, pakistanischer, anderer asiatischer, karibischer und anderer schwarzer Ethnizität hatten im Vergleich zu weissen Britinnen und Briten ein um 10% bis 50% höheres Sterberisiko.
Im Bericht "Public Health England" ist zu lesen, dass die übermässigen Todesfälle in der schwarzen Bevölkerung verschwinden, wenn die Zahlen in Bezug auf Benachteiligungen bereinigt werden, nicht so aber in der bangladeschischen Bevölkerungsgruppe. Einige sagen, dies habe mit genetischen Faktoren zu tun.
Möglicherweise liegt es an genetischen Faktoren. Es könnte aber auch sein, dass der Index der Benachteiligungen die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht erfasst, zum Beispiel, wenn sie eher in Mehrgenerationenhaushalten leben oder wenn sie in Pflegeheimen oder anderen Frontberufen arbeiten.
Ich vermute, dass der Benachteiligungsindex nicht die gesamte facettenreiche Realität erfasst.
Führt die Diskussion über genetische Faktoren, Vitamin-D-Mangel und so weiter zu einer externe Seite "Verkrankmachung von Schwarz-sein" und lenkt so von Rassismus ab?
Wäre es nicht praktisch, wenn man die hohe Sterblichkeit in den BAME-Bevölkerungsgruppen auf den Vitamin-D-Mangel zurückführen könnte?
Man könnte dann die vielen Aspekte ignorieren, in denen das Leben der Menschen durch die gesellschaftliche Reaktion auf ihre ethnische Zugehörigkeit beeinträchtigt wird.
Überbevölkerung? Nein, es ist der Sonnenschein. Sie arbeiten als Fahrer und teilen daher die hohe COVID-19-Sterblichkeit der Fahrer? Nein, es ist der Mangel an Nahrungsergänzungsmitteln.
Angenommen, es wäre wahr, dass Vitamin D eine Rolle spielt, dann gäbe es immer noch Rassismus und Diskriminierung.
Ein Mangel an Vitamin D dürfte bei der Verfolgung schwarzer Jugendlicher durch die Polizei keine grosse Rolle spielen.
Ich bezweifle, dass die Eltern von externe Seite Stephen Lawrence in irgendeiner Weise getröstet wären, wenn ihnen der Vitamin-D-Status ihres Sohnes aus der Zeit bekannt wäre, bevor er von weissen Schlägern ermordet wurde.
Vermutlich betreffen gesundheitliche Ungleichheiten auch benachteiligte weisse Bevölkerungsgruppen?
Das gilt nicht nur für schwarze Britinnen und Briten, sondern bezieht sich auf die Benachteiligungen in der gesamten Bevölkerung. Das ist ganz klar.
Ein Teil des Zusammenhangs zwischen COVID-19 und Benachteiligungen besteht darin, dass Menschen, die in der sozialen Hierarchie weiter unten stehen, kränker sind – zum Beispiel hat Typ-2-Diabetes ein dramatisches soziales Gefälle.
Wenn Sie dadurch ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheiten haben, könnte das den Zusammenhang mit den Entbehrungen teilweise erklären.
Kann die soziale Hierarchie alle Risiken erklären, denen die BAME-Bevölkerungsgruppen ausgesetzt sind?
Bevor ich alles auf Benachteiligungen zurückführe, muss ich mich damit auseinandersetzen, warum Ärzte aus BAME-Bevölkerungsgruppen anscheinend einem höheren Risiko ausgesetzt sind.
Es gibt eine externe Seite Überrepräsentation von betroffenen hochrangiger Personen – Ärztinnen und Ärzte aus BAME-Bevölkerungsgruppen und Chaand Nagpaul, Vorsitzender des Rates der British Medical Association, selbst Südasiate, spekulierte, dass die BAME-Bevölkerungsgruppen vielleicht eher an vorderster Front stehen oder sich wahrscheinlich weniger über unzureichende Schutzausrüstung beschweren.
Können wir etwas gegen diese Ursache für einen frühen Tod unternehmen?
Obwohl die Ungleichheiten in Europa bemerkenswert konsistent sind, variiert die Steigung oder das Gefälle, so dass die Ungleichheiten in einigen Gebieten geringer und in anderen grösser sind, und das ist ermutigend.
Wenn sie alle gleich wären, würden Sie sagen, dass wir nichts dagegen tun können.
Die Stossrichtung der externe Seite Health Equity in England: The Marmot Review Ten Years On lautete, dass wir eine Menge tun können. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich haben spezifische Empfehlungen für die Regierung und andere (Organisationen) vorgelegt.
Ein externe Seite zweiter Bericht von Public Health England (PHE) enthält eine Liste von "Handlungsaufforderungen", die von PHE selbst nicht gutgeheissen wurden:
- Bessere Datenerhebung über ethnische Zugehörigkeit und Religion, einschliesslich der Eintragung in Sterbeurkunden.
- Unterstützung weiterer Forschung unter Beteiligung aller Gemeinschaften, um das erhöhte Risiko zu verstehen und Programme zu seiner Verringerung zu entwickeln.
- Verbesserung des Zugangs von BAME-Gruppen zum NHS, der dort von ihnen gemachten Erfahrungen und der Ergebnisse von NHS und anderen Diensten – durch Audits, Folgenabschätzungen und eine bessere Vertretung unter den Mitarbeitenden.
- Entwicklung von Risikobeurteilungen für Beschäftigte an vorderster Front aus BAME-Bevölkerungsgruppen.
- Durchführung von kultursensiblen Aufklärungs- und Präventionskampagnen zur Wiederherstellung von Vertrauen.
- Sicherstellen, dass die Erholungsstrategien von COVID-19 Ungleichheiten angehen, um langfristige Veränderungen herbeizuführen.
Das klingt, als bräuchten wir eine grundlegende Reform der Gesellschaft – ist das realistisch, wenn die Nation durch COVID-19 bereits taumelt?
Die Idee des "Besseren Wiederaufbaus" besteht darin, dass wir die gegenwärtige gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Krise nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance begreifen sollten.
Mein Bericht "Zehn Jahre danach" machte deutlich, dass die Gesundheit und die gesundheitlichen Ungleichheiten in England vor der Pandemie bei weitem nicht dort waren, wo sie sein sollten.
Wenn sich das Tempo der gesundheitlichen Verbesserung in den letzten 10 Jahren verlangsamt hatte, bedeutete dies, dass die Gesellschaft aufgehört hatte, sich zu verbessern. Ich dachte bereits vorher, dass wir mal einen Neustart brauchen.
Die Tatsache, dass die Regierung die "strenge Gläubigkeit an das Sparen» des Jahres 2010 und des letzten Jahrzehnts beiseite geworfen und gesagt hat, "was immer nötig ist", bedeutet, dass wir die Möglichkeit haben, darüber nachzudenken, wie der Aufbau einer gerechteren Gesellschaft aussehen könnte.
Was wollen wir, wenn wir aus der Pandemie herauskommen? Es ist Zeit für ein breit geführtes nationales Gespräch.
Wie hat die Pandemie Bereiche betroffen, die bereits benachteiligt waren beraubt?
Haushalte mit niedrigem Einkommen haben während der Pandemie mit doppelt so grosser Wahrscheinlichkeit mehr Verbraucherkredite in Anspruch genommen als Haushalte mit hohem Einkommen, und es ist 50 Prozent wahrscheinlicher, dass sie weniger sparen als gewöhnlich, so dass sie der daraus resultierenden Wirtschaftskrise besonders ausgesetzt sind.
Ich habe mit Ajit Lalvani vom Imperial College London gesprochen, dem Treuhänder der Gruppe des Wissenschaftsmuseums und Vorsitzenden des externe Seite Bromley by Bow Centre, BBBC, in Tower Hamlets, einem der am stärksten benachteiligten Gebiete, in dem auch einer der höchsten Anteile der bangladeschischen Bevölkerungsgruppe lebt. Seine redigierten Antworten sind kursiv gedruckt.
Jeder dieser Faktoren – sozioökonomische Benachteiligung und die Tatsache, dass man Bangalin/Bangale ist – ist unabhängig voneinander mit einem zweifach erhöhten Risiko verbunden, an COVID-19 zu sterben, so dass die meisten Bewohner der Gegend um das BBBC ein vierfach erhöhtes Sterberisiko haben.
All dies macht die BBBC für die gegenwärtige Pandemie sehr relevant.
Ich habe sechs Jahre lang den Vorsitz im Kuratorium des Bromley by Bow Centre geführt. Es ist das beste Beispiel, das ich kenne, das zeigt, wie man Gesundheit und Wohlbefinden verbessern kann, wenn man sich mit den sozialen Determinanten der Gesundheit auseinandersetzt.
Dank Michael Marmot kennen wir die enormen Auswirkungen dieser sozialen Determinanten, und wir wissen, was sie sind. Aber es gibt nur wenige Beispiele dafür, wie man sie wirksam bekämpfen und dadurch gesundheitliche Ungleichheiten umkehren kann.
Tatsächlich haben die gesundheitlichen Ungleichheiten im Vereinigten Königreich seit Marmots bahnbrechendem Bericht vor einem Jahrzehnt zugenommen und nicht abgenommen.
Bromley by Bow nutzt die eigenen Qualitätmerkmale der lokalen Gemeinschaft, um das Leben und die Gesundheit der Menschen und die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft zu verbessern, indem sie sich auf einige wenige wesentliche Prioritäten konzentrieren. Sie wenden verschiedene Mittel an, um den Menschen zu helfen, ein anständiges Zuhause zu haben, eine sinnvolle Arbeit zu finden und mit anderen sozial verknüpft zu sein.
Das Erreichen dieser grundlegenden Ziele verändert das Leben der Menschen und verbessert ihr gesundheitliches Wohlbefinden, indem es tief verwurzelte gesundheitliche Ungleichheiten umkehrt.
Wie hat Bromley by Bow auf COVID-19 reagiert?
Bromley by Bow hat ein eigenes lokal verwaltetes gemeindebasiertes Test-, Rückverfolgungs-, Isolierungs- und Unterstützungsprogramm gestartet, um eine tödliche zweite Welle von COVID-19-Infektionen in der Gemeinde zu verhindern.
Angesichts des zweifach erhöhten Risikos für BangalInnen (die vorherrschende ethnische Gruppe in Bromley by Bow) und des zweifach erhöhten Risikos für sozioökonomisch benachteiligte Regionen (Tower Hamlets hat ein sehr hohes Mass an Benachteiligungen) ist es besonders wichtig, die Gemeinde vor einem weiteren Vordringen des Coronavirus zu schützen.
Es ist typisch für das Bromley by Bow-Ethos, dass sich die Gemeinschaft mobilisiert, um das Beste für sich selbst zu tun, ohne sich auf externe Unterstützung, sei durch die nationale oder lokale Regierung, zu verlassen.
Dies ist ein Teil des Grundes, warum sie von Public Health England als Vorbild für eine nachhaltige öffentliche Gesundheit für die Zukunft anerkannt wird.
Wie kann ich mehr erfahren?
Das jüngste Bild, wie weit sich die Pandemie ausgebreitet hat, ist auf den Webseiten des externe Seite Johns Hopkins Coronavirus Resource Center oder dem externe Seite Robert Koch-Institut zu sehen.
Sie können die Zahl externe Seite der im Labor bestätigten COVID-19-Fälle und Todesfälle im Vereinigten Königreich sowie die Zahlen des externe Seite Office of National Statistics einsehen.
David Spiegelhalter vom Winton Centre for Risk and Evidence Communication externe Seite liefert seine eigenen Aktualisierungen.
Weitere Informationen finden Sie in meinen früheren Blogeinträgen, beim externe Seite UKRI, einschliesslich eines externe Seite Abschnitts über ethnische Minderheitengruppen, bei der externe Seite EU, den externe Seite US Centers for Disease Control, der externe Seite WHO, auf diesem externe Seite COVID-19-Portal und auf externe Seite Our World in Data.
Letztes Jahr veranstaltete das Science Museum eine Diskussion über die externe Seite giftige Fiktion der "Rassenwissenschaft".
Anmerkung:
Neuigkeiten Schweiz
Die momentane Anzahl der Coronavirus-Fälle in der Schweiz kann auf der externe Seite Webseite des Bundesamts für Gesundheit abgerufen werden. Auch die Webseite des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) bietet eine gute und laufend aktualisierte externe Seite Übersicht zu diversen Daten sowie externe Seite Antworten auf die häufigsten Fragen im Zusammenhang mit COVID-19. Um auf einen erneuten Anstieg der Fallzahlen mit möglichst breit angelegten und angemessenen Tests rasch reagieren zu können, externe Seite übernimmt der Bund ab dem 25. Juni 2020 die Kosten für alle Coronavirus-Tests.
Die SwissCovid App, über deren Funktionsweise und Entwicklung im Artikel 8 verschiedene Anmerkungen und weiterführende Links zu finden sind, kann nun für externe Seite Android und externe Seite iPhones heruntergeladen werden. Da die Testphase keine kritischen Probleme aufzeigte und der Bundesrat zudem die Verordnung über das Proximity-Tracing-System verabschiedete, konnte die App sogar etwas früher als zuletzt erwartet lanciert werden. Mehr Informationen rund um die App finden sich in diesem externe Seite Artikel von SRF und diesem externe Seite ständig aktualisierten NZZ-Artikel.